Kontaktverbot – Schadet es kleinen Kindern?

Neulich erreichte mich die Frage, was das Kontaktverbot wohl mit kleinen Kindern macht, die die Situation noch nicht verstehen können. “Komm Mama, wir können in den Garten gehen, da sind gerade keine Leute“.

Auf welche Art kann sie dieses „social distancing“ prägen, obwohl es doch so außergewöhnlich und „un-normal“ ist? Ich stelle mir mal vor, ich sei zwei bis drei Jahre alt, mit meinen Augen auf der Höhe zwischen
Knie und maximal Hüfte, und zurzeit meistens an der Hand von Mama oder Papa, wenn wir auf der Straße sind. Ich denke mal laut in meiner erwachsenen Sprache: „Ich finde es toll, dass Mama und Papa jetzt so viel zu Hause sind. Ich spüre die warme Hand, und dass sie immer ihren Blick auf mich gerichtet haben. Ich soll einen Bogen um alle anderen
Leute machen, darf auch nicht mit meinen Freunden spielen, weil ich nicht krank werden soll.
Aber meine Freunde sind doch gar nicht krank. Es geht darum, dass Oma und Opa auch nicht krank werden, weil wir dieses Corona-Virus übertragen können. Ich verstehe schon die Wörter, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, was das bedeutet. Erstmal freue ich mich, dass wir alle so viel zu Hause sind, dass Mama und Papa so viel selber kochen und sich auch mit mir
beschäftigen. Wenn wir in den Supermarkt gehen, stellen wir uns draußen an und halten Abstand. Manche Leute haben auch ein Tuch vorm Gesicht, weil die Viren durch die Luft fliegen; ich sehe aber gar nichts. Solange mich Mama oder Papa an der Hand haben, habe ich keine Angst und fühle
mich sicher und wohl. Der Hintergrund verschwimmt irgendwie; aber irgendwann will ich auch wieder in die Kita zu meinen Freunden.“

Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass das durch Glücksgefühle ausgelöste Dopamin nötig ist, damit Erlebnisse und Informationen ins Langzeitgedächtnis gelangen. Das wird meiner Ansicht nach am ehesten durch die häusliche Nähe aktiviert, selbst wenn es zwischendrin auch mal
Streit oder Ärger gibt. Solange das Nest atmosphärisch warm ist, wird diese Zeit trotz aller Einschränkungen als positiv abgespeichert. Wissen oder Gefühle, die nicht unmittelbar gebraucht und nachhaltig aktiv gehalten werden, überschreibt das Gehirn, wenn sich neue interessante Bereiche für das Kind auftun. So ist es zum Beispiel mit Frühenglisch oder anderen Sprachen, die zu Hause oder im Umfeld nicht weiter gesprochen werden: Sie werden als unbrauchbar wieder mit anderen Fakten überschrieben. Und vermutlich versinkt alles im tiefen Untergrund, außer dem Gefühl, wie
schön es zu Hause war, ohne den morgendlichen Stress und in einer Situation, in der alle miteinander einen anderen Umgang lernen mussten.
Was noch bleiben könnte, wenn es die Erwachsenen beibehalten, ist ein erlebtes Gefühl von „An-stand“! Anstehen, den Leuten nicht zu nahe treten, nicht drängeln, nicht maulen und schimpfen, sondern anhalten und warten, bis der andere vorbeigegangen ist. Hände waschen,
wenn man von draußen gekommen ist, in die Armbeuge husten und ein Bewusstsein für Kranksein und Ansteckung entwickeln. Allzeit rücksichtsvoll und hilfsbereit sein und klatschen, wenn man Anerkennung zollt. Ich glaube, die Vorteile überwiegen, wenn das Gefühl von Nähe, Geborgenheit und innerer Sicherheit vor der Angst brilliert, und ruhiges Aushandeln im Miteinander vor Hektik, Nörgeleien und Ungeduld steht. Nutzen wir diesen seltenen Ausnahmezustand!

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Auf dem Evangelischen Campus Daniel berät Diplom-Pädagogin Martina
Rohrbach Eltern zu Fragen rund ums Familienleben und Erziehungsthemen. Ab jetzt bloggt sie hier über gelingendes Familienleben im Corona-Modus und gibt Tipps für die Zeit zwischen Homeoffice und Kinder-Dauerbetreuung.